Stadttheater Giessen
    Zwei einsame kleine Mädchen finden einen Weg zueinander

    Zwei einsame kleine Mädchen finden einen Weg zueinander

     „Der zerbrochene Schlüssel“: Ein spannendes und bewegendes Stück für alle ab sechs Jahren. Kindergarten- und Schulgruppen waren gestern zur Premiere ins TiL gekommen. 55 Minuten lang waren die Kleinen mucksmäuschenstill und verfolgten mit großen Augen die Vorgänge auf der Bühne. Wenn das kein gutes Zeichen ist! Regisseurin Meike Niemeyer hatte das Kinderstück von Bente Jonker in wunderbare Szenen umgesetzt, die Schauspielerinnen Kyra Lippler (Luna) und Carolin Weber (Stella) leisteten ganze Arbeit, um die Geschichte von zwei einsamen kleinen Mädchen dem jungen Publikum nahe zu bringen.
    Stella ist ein Schifferkind, das von den Eltern zu Oma Kraak gebracht wurde, bevor sie auf große Fahrt gingen. Mit der Oma zusammen wohnt Stella in einem kleinen Haus und träumt ihren Eltern hinterher. Im Nachbarhaus lebt Luna. Seit ihr Vater gestorben ist, gibt sie sich groß und stark. Ihre Mutter arbeitet den ganzen Tag, so dass sie sich kaum sehen und ihr nur die Puppe Clara bleibt. Die beiden Mädchen kennen sich nicht, denn die Wand zwischen den Häusern ist wie eine undurchdringliche Mauer. Manchmal hören die Mädchen nur Geräusche auf der anderen Seite, doch die jagen ihnen Angst ein: da ist von Räubern und Menschenfressern die Rede, auf die man sich lieber nicht einlassen sollte. Doch eines Tages entdecken Stella und Luna, dass sie zwei Hälften eines zerbrochenen Schlüssels besitzen und bringen damit die Mauer zum Einsturz.
    Großes Theater mit einfachsten Mitteln: So lässt sich mit einem Satz die Geschichte von Stella und Luna zusammenfassen. Eigentlich können schon Wetten abgeschlossen werden, dass in der nächsten Zeit viele kleine Mädchen oder auch Jungen das Stück vom „Zerbrochenen Schlüssel“ nachspielen werden. Denn mit Decken und Stoffen Häuser bauen, Puppen zum Sprechen bringen, das ist ein Lieblingsspiel aller Kinder. Nur die kleine Drehbühne fehlt natürlich zu Hause, da muss sich der Theaternachwuchs etwas anderes einfallen lassen. Ein besonders Kompliment an Thomas Döll, der für diese einfallsreiche Bühne inklusive der Kostüme verantwortlich zeichnet. Ein besonderer Clou des Stückes ist zudem die Einbeziehung von zwei großen Handpuppen, die die Schauspielerinnen nach einem Training durch Maria Elisabeth Wey professionell einsetzten, so dass sie auch als Bauchrednerinnen auftreten können.
    Das Beste an dem Stück ist aber, dass hier auf kleinstem Raum alle wichtigen Themen des Theaters zusammengepackt wurden: Angst und Einsamkeit, Trennung und Tod, aber auch Fürsorge und Liebe. Das Thema „Mauer“ ist derzeit ohnehin hoch aktuell, ob es nun um das historische Datum der Wiedervereinigung geht oder um die Ausgrenzung von Fremden.
    2008 wurde „Der zerbrochene Schlüssel“ für den Deutschen Kindertheaterpreis nominiert. Die Jury lobte unter anderem: „Das Stück ist auch die Geschichte einer Emanzipation von fremden Vorurteilen und unbegründeten Ängsten, die das Theater als Wunderkammer und Raritätenkabinett zu nutzen weiß, um die kleinen Zuschauer auf eine abenteuerliche Reise zu den eigenen Wünschen zu entführen“. Hochgestochene Worte, doch wie sagte Abdul M. Kunze, Leiter des Kinder- und Jugendtheaters zum Abschied: „Wenn es euch gefallen hat, erzählt es weiter, wenn nicht, behaltet es für euch.“ Wieder fröhliches Lachen, wie so oft an diesem Vormittag. Ulla Hahn-Grimm, 08.10.2020, Gießener Anzeiger